Taten zu Daten – Kontrollverlust als Tatsache

In seinem blog ctrl+verlust beschäftigt sich Michael Seemann (@mspro) mit den Auswirkungen denen wir durch neue technologische Entwicklungen ausgesetzt sind. Vereinfacht dargestellt geht es darum, dass wir über die von uns existierenden Daten(sätze) und wozu sie verwendet werden können keine Kontrolle haben. Einerseits keine Kontrolle in der Gegenwart – ich weiß nicht was zum Beispiel Facebook heute mit meinen Daten macht, aber auch keine Kontrolle von einem zukünftigen Standpunkt aus gesehen – ich weiß nicht welche noch-zu-erfindenden technologischen Möglichkeiten in Zukunft meine Daten auf neue Art und Weise verarbeiten können. Er nennt dies Kontrollverlust. (-> Leseempfehlung: ctrl+verlust)

In einem Artikel zu einem seiner Vorträge (Kontrolle und Kontrollverlust) versucht @mspro den Kontrollverlust zu definieren:

Ein Kontrollverlust entsteht, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt.” (Seemann 2011)

Ich möchte den Kontrollverlust gerne noch weiter fassen. Kontrollverlust entsteht nicht erst durch digitale Datenverarbeitung sondern wird durch diese besonders ins Bewusstsein gerückt. Gegeben hat es den Kontrollverlust seit je her, Kontrollverlust existiert. Der Knackpunkt liegt in der Tat und ihren Folgen an und für sich. Sobald ich eine Tat getan habe entziehen sich die daraus folgenden Ereignisse meiner Kontrolle. Die Tat ist in der Welt und ich habe die Kontrolle über die damit verknüpften Ereignisse verloren. Es gäbe nur einen Weg die Kontrolle zu behalten: Eine Tat gar nicht erst zu tun(*).

Ein Beispiel: Ich rette einen Ertrinkenden aus den Fluten eines Flusses. Aber über die Folgen meiner Tat, zum Beispiel wie der Gerettete sein Leben weiter führen wird, ob und wann er heiratet, ob er eigenen Kinder hat etc. etc. darüber habe ich keine Kontrolle. 

Heutzutage wird von einem großen Teil meiner Taten eine Dokumentation angelegt: "Taten werden zu Daten". Und auch was mit diesen Daten passiert entzieht sich meiner Kontrolle, allerdings ist es leichter zu beobachten und wird somit leichter bewusst. Daten sind die zu Ruhe gekommenen ("toten") Überreste einer einstmaligen Tat, eines stattgefundenen Prozesses. Deswegen kann ich Daten auch so schön in einem Archiv ("Friedhof") ablegen und auch leichter studieren und analysieren als laufende Prozesse. Nun entzieht sich einerseits das verarbeiten der gesammelten Datensätze meiner Kontrolle während diese Datenverarbeitung wiederum ein Daten produzierender Prozess ist, der sich auch meiner Kontrolle entzieht. Wahrscheinlich ist, dass ich früher oder später damit konfrontiert werde und sich heutzutage leichter ein gewisses Bewusstsein für den Kontrollverlust einstellt.

Bei seinem Versuch einer Definition beschränkt sich @mspro zu sehr nur auf den datenverarbeitenden Teil ("Interaktion von Informationen"). Eine umfassende Definition muss weiter gefasst werden. Kontrollverlust ist eine Tatsache. Eine Sache der Tat. Er entsteht nicht erst seit Erfindung des Computers oder Entwicklung von Datenbanken, sondern war auch schon vorher in der Welt. 

Definitionsversuch meinerseits: Der Kontrollverlust wird erlebt an der Unmöglichkeit, die Folgen seiner Taten zu kontrollieren.

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(*) In seinem Text "Das radikale Recht des Anderen" beschreibt @mspro dann auch dasjenige, was er als einzige "Sünde" gegenüber einer aus der Zukunft zurückschauenden datenverarbeitenden Entität versteht: die Unterlassung von Taten und damit Vermeidung von Daten.

Über San

Mein Name ist André Soral. Ich bedanke mich bei ErbAlex für die Bereitstellung der technischen Vorraussetzungen, welche mir ermöglichen hier zu bloggen. Die Themen orientieren sich an meinem beruflichen und privaten Umfeld: Medizin, Kommunikation, Internet, Photographie, Imkerei...

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